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Gibt es lebensunwertes Leben?

Mai 14, 2009
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Spätestens seit dem Dritten Reich sollte die Diskussion über unwertes Leben ad acta gelegt worden sein. Dachte ich jedenfalls. Angeregt durch das Essay Ein reines Gedankenspiel auf ad sinistram und einen dazugehörigen Leserkommentar habe ich mich mal mit den Aussagen von Professor Peter Singer von der Universität Princeton zu diesem Thema auseinandergesetzt. Ich beziehe mich dabei auf ein Interview, dass Professor Singer dem Spiegel gab und das auf SPON unter dem Titel „Nicht alles Leben ist heilig“ veröffentlicht wurde.

Ich möchte bereits an dieser Stelle zu Protokoll geben, dass ich den Mann für hochgradig gestört halte.

Professor Singer steht auf dem Standpunkt, dass Leben nicht gleich Leben ist und glaubt, eine „Abkehr von der Vorstellung, dass jeder atmende, warme menschliche Organismus gleichermaßen wertvoll ist“ erkannt zu haben.

Das, wovon ich spreche, geschieht ja längst, in jedem größeren Krankenhaus und jeder Großstadt in der entwickelten Welt. Es gibt Fälle, in denen man entscheidet, dass die Lebensqualität von jemandem, der nie wieder zu Bewusstsein kommen wird, nicht wert ist, erhalten zu werden. Oder dass es besser ist, ein Kind ohne eine bestimmte schwere Krankheit zu haben als eines mit dieser Krankheit. Wir fällen längst Urteile auf der Basis von der Bewertung von Lebensqualität. Ich plädiere nur dafür, dass wir auch offen darüber reden sollten.

Ist dem so? Ist der Wert eines Menschen tatsächlich das Kriterium, an dem sich ein Arzt orientiert? Wie bemisst sich so ein Wert? Wann ist ein Menschenleben wert erhalten zu werden und wann nicht. Ist es nicht vielmehr so, dass die Entscheidung, ob man lebenserhaltende Maßnahmen fortsetzt oder nicht, doch eher auf der Überlegung fußt, ob es für den Patienten überhaupt noch Sinn macht, dass man ihn am Leben erhält?

In welchen Fällen ein Arzt lebenserhaltende Maßnahmen einstellen darf, lässt sich in „Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung“ nachlesen. Daraus geht überdeutlich hervor, dass ausschließlich der medizinische Zustand eines Patienten ausschlaggebend ist, und nicht die Frage, ob es einen Wert hat, dieses Leben zu erhalten, wobei der (mutmaßliche) Wille des Patienten und unter gewissen Umständen der Wille der Angehörigen berücksichtigt werden muss. Die Aussage von Professor Singer ist also grober Unfug.

Habe ich schon erwähnt, dass ich den Mann für hochgradig gestört halte?

Professor Singer führt einen neuen Terminus ein, der mir bis dato nicht bekannt war und von dem ich hoffe, dass er ganz schnell wieder in der Versenkung verschwindet: der moralische Status eines Menschen. Dieser, so Professor Singer, gründet auf den Fähigkeiten und Eigenschaften die ein Mensch hat, nicht auf der bloßen Tatsache, dass er ein Mensch ist. Aus diesem Grund habe er auch kein ethisches Problem damit, würde man einen Embryo zu einer Schönheitscreme oder einem Potenzmittel verarbeiten.

Um seiner kruden Ethik einen Hauch von Autorität zu verleihen, reiht sich Professor Singer selbst in die Reihe der ganz großen Dichter und Denker ein und beruft sich dabei auf – Achtung, festhalten! –Immanuel Kant.

Aber nehmen Sie zum Beispiel Kant: Er sagt, der Mensch sei stets als „Zweck an sich selbst“ zu betrachten. Doch wenn Sie sich seine Argumentation genauer ansehen, dann stellen Sie fest, dass er sich auf die Fähigkeit zu Vernunft und Autonomie beruft. Dieser Gedanke ist dann missbraucht worden, um allen menschlichen Wesen diesen Status zuzusprechen – obwohl es keine 30 Sekunden Nachdenken braucht, um sich klar zu machen, dass es durchaus menschliche Wesen gibt, die weder vernunftbegabt noch autonom sind.

Professor Singer bezieht sich offensichtlich auf Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten aus dem Jahre 1785, ein Werk in dem Kant seinen kategorischen Imperativ formulierte. Professor Singer behauptet nun, dass Kant sich in seiner Schrift ausschließlich mit dem vernunftbegabten Menschen beschäftigt habe und folglich seine Aussagen nicht für Menschen gelte, die „weder vernunftbegabt noch autonom sind“.

Habe ich schon erwähnt, dass ich den Mann für hochgradig gestört halte?

Ich bin ganz gewiss kein Kant-Experte – gleiches spreche ich übrigens auch Professor Singer ab, auch wenn er sich im (Irr)Glauben wähnt, als einziger Kant genau gelesen zu haben – aber meines Wissens nach gibt es in Kants Werk nicht eine einzige Aussage, in der er eine Ausnahme für seinen kategorischen Imperativ formuliert. Kants Aussagen sind universell und gelten für alle Menschen. Hätte Kant das so nicht gemeint, hätte er das deutlich gemacht. Das war ja kein Dummer, der Kant.

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